"Man hat mich für verrückt erklärt."

Im Lidl-Konzern schaffte es Dorotea Mader bis ganz nach oben: Sie war Teil des zehnköpfigen Vorstands. Dann schmiss sie hin. Jetzt macht sie ihr eigenes Ding.

Im perfekt gestylten Hosen-Anzug und mit modischer Sehbrillle betritt Dorotea Mader die ff-Redaktion. Mit ihrer Energie füllt sie den Raum im Nu. Dorotea Mader ist eine richtige Businessfrau; selbstbewusst, entschieden, eine Frau, die weiß, was sie will.
Mader hat ihr eigenes Unternehmen und gilt als Expertin in puncto Personal und Personalmanagement. Vor allem aber ist sie eine Meisterin im Netzwerken. Innerhalb kürzester Zeit hat sie sich in Südtirols Wirtschaftswelt einen Namen gemacht - am 10. September wird sie das Global Forum Südtirol moderieren. Und bald schon wird sie im harten Hockey-Business mitmischen - als neue Vizepräsidentin des HC Pustertal. An der Seite von Neopräsident Erich Falkensteiner - auch er ein Unternehmer - will sie den Verein Organisatorisch nach vorne bringen. Hockey ist Neuland für die 45-Jährige, aber sie weiß, wie man motiviert und inspiriert. Sie will eine Akademie etablieren, um die Jugend zu fördern. Falkensteiner vertraut ihr. "Wer bei Ledl Personalchefin war, muss schon was drauf haben", sate er jüngst zu ff.
Dorotea Mader ist erst seit drei Jahren wieder zurück in Südtirol. 14 Jahre lang arbeitete sie für die Schwarz-Gruppe. Der Konzern mir einem Jahresumatz von 125,3 Milliarden Euro ist die Nummer eins im Lebensmittelhandelin Europa, die Nummer vier weltweit. Es ist der Mutterkonzern der Discounter Kaufland und Lidl. Und genau für letzteren Discounter, der mit Jahreumsätzen von 26 Milliarden Euro aufhorchen lässt, stand Mader ganz oben. Sie war Teil des zehnköpfigen Lidl-Vorstand, jetete mit Hubschrauber und Privatjets zu Businessterminen. Die gebürtige Pusterin hat hart dafür gearbeitet, es ganz nach oben zu schaffen. Nach ihrem Wirtschaftsstudium stieg sie im Vertrieb bei Lidl Italia ein, das war 2004. Der deutsche Discounter stand zu der Zeit im Genussland Italien noch in den Startlöchern. Die Vorbehalte der geschmacksverwöhnten italienischen Konsumten waren groß. Doch Lidl wuchs schnell, bis zu 40 Filialen pro Jahr wurden eröffnet.

Mader lief, 16 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche. Umsatz, Umsatz, Umsatz, so lautete die Devise. Das Tempo war hoch, die Führungsstruktur hierarchisch. "Der Mensch blieb auch mal auf der Strecke", erzählt sie rückblickend. Dann kam das Jahr 2008: Mitten in der Wirtschaftskrise wurde das Topmanagement ausgewechselt. Mader übernahm den Bereich HR, also das Personalmanagement. Mit den neuen Köpfen an der Spitze wurde das Unternehmen umgekrempelt, in die Filialen kam mehr Licht, es gab mehr Fokus auf Ästhetik und Mitarbeitende. Mader:" Ich habe immer gesagt: Die Dame an der Kasse ist die Visitenkarte des Unternehmens. Sie darf nicht demotiviert sein und muss unsere Vision mittragen."
Mit Begeisterung und Elan etabliert Dorotea Mader nach und nach eine neue Unternehmenskultur. Sie stellt den Menschen in den Mittelpunkt des Unternehmens - Lidl Italia beschäftigt damals rund 12.000 Mitarbeitende. Die Vision der Veränderung trib sie an. Sie wusste Teams hinter sich zu vereinen, wollte, dass alle in dieselbe Richtung laufen. Ihre Strategie ging auf. Innerhalb von nur zwei Jahren schaffte es Lidl Italia beim "Great Place to work" - Ranking unter die attraktivsten Arbeitgeber Italiens. Ein Spitzenergebnis, das den Mutterkonzern in Deutschland aufhorchen ließ.
Was Mader in Italien geglückt war, sollte sie auch für Deutschland umsetzen: die Unternehmenskultur wandeln und 80.000 Mitarbeitende auf Kurs bringen. Dafür holte man die junge Südtiroleron 2015 nach Deutschland, in die Lidlzentrale nach Neckarsulm, eine Kleinsatdt zwischen Stuttgart und Frankfurt. Mader wurde Teil des zehnköpfigen Lidl-Vorstand und stand auf der Karriereleiter plötzlich ganz oben.
Ihr Mann - ein gebürtiger Schweizer und um einige Jahre älter - kam kurzerhand mit. Das Managerpaar führte ein Leben allein für den Job. Zehn mal in 15 Jahren zogen sie um. Zuletzt lebten sie in Padua und in Verona. Für den Umzug nach Deutschland gab ihr Mann seinen Verlagsjob in Mailand auf. "Da gab es auch keine großen Dikussionen", erzählt Mader. "Er sagt immer: Ich habe meine Karriere gemacht, jetzt bist du dran!" Und sie hängte sich rein: "Es war eine Riesenherausforderung. In Italien war alles einfacher, dort sind wir mit dem Thema Unternehmenskultur bei null gestartet. Hier aber erwartete mich ein Konzern, der seit 40 Jahren etabliert war.."
Eingefahrene Strutkuren und Seilschaften - die Macherin aus dem Pustertal bewegte isch auf neuem, unbekanntem Terrain. Zweieinhalb Jahre gab sie alles, dann - es war 2018 - war die Luft raus. "Irgendwann war die Leidenschaft nicht mehr da, und ohne Leidenschaft kann ich nicht arbeiten", sagt sie. Diesen Konzern noch einmal in eine völlig andere Richtung zu lenken, dafür fehlte ihr plötzlich die Kraft. Sie schmiss hin. Von einem auf den anderen Tag legte sie ihren Vorstandsposten nieder. Sie erzählte:"Man hat mich für verrückt erklärt. Ich habe im Monat so viel verdient wie andere in einem ganzen Jahr. Kein Mann hätte so einen Topjob aufgegeben."
Zwei Wochen nach ihrem Entschliss war sie draußen. "Das ist typisch für so einen großen Konzern. Wer entscheidet zu gehen, ist sehr schnell raus." sagt Mader. Über ihren Abgang bei Lidl spricht sie ohne Verbitterung.

Wenige Tage später waren sie und ihr Mann in Reischach. In ihrem Heimatdorf, wo sie mir ihren Eltern - der Vater hat ein kleiner Kandwerksunternehmen, die Mutter ein Garni - und ihren beiden Geschwistern aufgewachsen ist. Das Dorf hatte sie vor 20 Jahren verlassen. Nun zog sie im Haus neben ihrem Elternhaus ein. Ihr Mann und sie hatten es wenige Jahre zuvor als Rückzugsort für Wochenende gebaut. Wieder fix im Dorf zu leben, wo jeder jeden kennt, war erst mal gewöhnungsbedürftig. Dorotea Mader hatte das Gefühl, kaum jemanden zu kennen, in Südtirol hatte sie weder Freunde noch Geschäftskontakte.
Aber sie gab sich zunächst mal selbst Zeit. Zur Ruhe zu finden. Runter zu kommen. Anfragen von Headhuntern, erzählt sie, gab es mehrere. Doch die Luft war raus. Je mehr Zeit verging, umso weniger Lust hatte sie, noch einmal für einen Konzern zu arbeiten. Also hat sie sich persönlich weitergebildet, eine systemische Businesscoaching- und eine Trainer Ausbildung absolviert. Und wusste: Es ist Zeit, ihr eigenes Ding zu machen.
Sie gründete eine Unternehmensberatung für Personalmanagement. Erst führte sie Human & Human allein, seit zwei Jahren gemeinsam mit Esther Ausserhofer. Auch sie eine junge Frau, die nach Jahren als Personalleiterin bei der Dr.Schär-Gruppe den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat. Im deutschsprachigen Raum wollen die beiden Frauen die erste Adresse für individuelle HR-Beratung für den Mittelstand werden. In Zeiten des Fachkräftemangels ein Markt mit Potenzial. "Mitarbeiter, das erkennen zunehmend auch Klein- und Mittelständische nternhemen, sind der wichtigste Hebel für langfristigen Erfolg", sagt Mader.
Mittlerweilwe zählt Human & Human 30 Kunden in ihrer Kartei. Es sind Unternehmen wir Rothoblass, Sportler oder Konverto, aber auch der Raiffeisenverband. Nicht einen enzigen Kunden mussten sie akquirieren. Es läuft. Die Nachfrage nach Veränderungsprozessen ist groß, immer mehr Unternehmen sind darauf bedacht eine starke Arbeitgebermarke zu etablieren. "Das, was nach außen kommuniziert wird, muss nach innen gelebt werden", sagt Mader.
Noch arbeiten sie und Ausserhofer von zu Hause aus, gerade richten sie in Bozen ein Büro ein. Ihr Team von sechs Mitarbeiterinnen - es sind vor allem junge Mütter - soll weiter wachsen. Wann und wo ihr Team arbeitet, ist den beiden egal. Hauptsache die Qualität und die vision passen. Mader selbst hat keine Kinder. Arbeit war und ist ihre große Leidenschaft. "Meine Arbeit" sagt sie "füllt mich aus, artet aber schnell aus. Ich kann ohne Ende arbeiten." Doch sie will mehr vom Leben. Dafür hat sie ihren Rhythmus knallhart geändert. Sie arbeitet nur noch 4 Tage die Woche. Von Montag bis Donnerstag, oft durchgehend von 5 Uhr morgens bis 20 Uhr. Dafür gehört der Freitag ganz ihr, sie nutzt den freuen Tag für Aus- und Weiterbildung, aber auch zum Skifahren oder Golfspielen.

Ihr Mann liebt Südtirol. Sich hier zu vernetzen, sei aber nicht immer einfach. Zu verschlossen seien die Südtiroler. Ihr eigenes Verhätlnis zu ihrer Heimat ist nach wie vor ambivalent. Die Südtiroler würden, sich zu sehr mit sich selsbt beschäftigen, sich zu wenig als Weltbürger fühlen. Richtig in Rage bringt Mader die hiesige Männerwirtschaft, sie sagt: " Es regt mich total auf, dass es so wenige Frauen in Vorständen gibt. Es muss nicht jede Frrau Karriere machen, aber mir fällt auf, das viele Frauen kaum eigene Ansprüche stellen. Sie studieren, starten ihre Karriere, heiraten, bekomen Kinder und schließen damit das Kapitel Karriere ab." Südtirols Arbeitswelt, so fährt sie fort, verzichtet damit auf 50 Prozent der Talente. "Eltern müssen ihren Töchtern mehr Selbstbeweusstsein mit auf den Weg geben. Es selbst zu schaffen uns ich nicht nur den "buon partito" unter die Nägel zu reißen.", sagt Mader.
Wie lande Südtirol ihr Lebensmittelpunkt bleibt, lässt sie offen. Human&Human funktioniere überall. Nicht rütteln will sie an ihrer Selbstständigkeit. Dorotea Mader will nur noch ihre eigenen Werte vertreten. Werte, mit denen sie andere mitreißen kann.

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